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Baukultur und Denkmalschutz im ländlichen Raum

ContentID 50923 Baukultur und Denkmalschutz im ländlichen Raum Bild 1

Die Vorstellung vom ländlichen Raum ist aus der städtischen Perspektive häufig eindimensional und romantisiert. Dabei gibt es DEN ländlichen Raum überhaupt nicht, denn er ist geprägt von großen regionalen Unterschieden und Veränderungen. Wie in den Städten stellt sich deshalb auch auf dem Land die Frage, wie sich Räume in Zukunft entwickeln sollen und welche Rolle dabei vorhandene Baukultur und Denkmäler spielen sollen.

Inhaltsverzeichnis

Ländlicher Raum und Baukultur: Eine begriffliche Annäherung

Obwohl die Städte stetig wachsen, bleiben die ländlichen Regionen in Deutschland weiterhin prägend für das Landschaftsbild: Der ländliche Raum umfasst rund 70 Prozent der gesamten Fläche, wobei der genaue Anteil in den verschiedenen Regionen niedriger oder auch höher ausfallen kann. Gleichzeitig bleibt dieser Raum die wesentliche Grundlage dafür, dass sich die Städte überhaupt in dieser Form entwickeln können.

Was ist der „ländliche Raum“?

Maßgeblich für die Vorstellung dieser Räume und Regionen ist nicht zuletzt der gedachte Gegensatz zwischen Stadt und Land. Natur, Landwirtschaft und die Aussicht auf Urlaub und Erholung auf der einen Seite – dichte Bebauung mit reichhaltigem Kulturangebot, Industrie, Gewerbe und Arbeit auf der anderen Seite: So stehen sich beide Räume vor allem aus der städtischen Perspektive häufig gegenüber.

Diese Ideen mögen nicht gänzlich falsch sein, sie werden aber der Vielfalt des ländlichen Raumes kaum gerecht, denn er ist

  • Lebensraum für viele Menschen und damit ein unverzichtbarer Bestandteil und Grundpfeiler unserer Siedlungsstruktur;
  • Wirtschaftsraum, in dem eben nicht allein Landwirtschaft betrieben wird, sondern in dem sich Gewerbe und Industrie ansiedeln, in dem Energie produziert wird und der Ressourcen liefert – vom touristischen Wert ganz zu schweigen.

Durch seine funktionale Vielfalt ist der ländliche Raum deshalb für die gesamte Gesellschaft relevant, trotzdem ist er seit Jahren einem oft tiefgreifenden Wandel ausgesetzt. Der zeigt sich auf unterschiedliche Weise, etwa in schrumpfenden Gemeinden, deren Bewohner*innen in größer werdender Zahl in die Städte ziehen.
Umgekehrt besteht die Tendenz, dass die Stadt dem Land immer näherkommt, vor allem im unmittelbaren Umland von Ballungsgebieten. Das bedeutet sichtbare Veränderungen, beispielsweise für die infrastrukturelle Ausstattung, aber genauso für die ländliche Baukultur.

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Was ist Baukultur?

Baukultur ist ein ebenso vielschichtiger wie bedeutungsoffener Begriff und tatsächlich stecken dahinter Veränderungen auf unterschiedlichen Ebenen. Ablesen lässt sich dies schon am Definitionsversuch des Bundesministeriums des Innern, für Bau und Heimat, der vergleichsweise viel Interpretationsspielraum lässt:

„Der Begriff Baukultur beschreibt die Herstellung von gebauter Umwelt und den Umgang damit.“

Für eine „engere“ Begriffsbestimmung wurden die zentralen Aspekte von Baukultur ergänzt. Planen, Bauen, Umbauen und Instandhalten gehören dazu, ohne auf die Architektur beschränkt zu sein. Es geht vielmehr um Ingenieurbauleistungen, Stadt- und Regionalplanung, Landschaftsarchitektur, Denkmalschutz und Kunst am Bau sowie Kunst im öffentlichen Raum.

Damit bleibt dennoch weitgehend unbestimmt, was genau Baukultur letztendlich bezeichnen soll. Diese begriffliche „Unbestimmtheit“ hat Tim Rienits, Professor für Stadt- und Raumentwicklung in einer diversifizierten Gesellschaft an der Leibniz Universität Hannover, deshalb versucht aufzulösen. Aufgezeigt hat er zu diesem Zweck drei Dimensionen der Baukultur:

  • Im konservativen Verständnis liegt der Fokus auf den erreichten baukulturellen Leistungen und deren Erhalt, womit Baukultur im weitesten Sinne der Denkmalpflege und dem Denkmalschutz entspräche.
  • Im normativen Sinne funktioniert Baukultur als Prädikat für die besondere Qualität des Bauens. Die kann sich sowohl in ästhetischen Gesichtspunkten zeigen wie auch in funktionalen oder nachhaltigen.
  • Daneben kann, was sich in der oben zitierten Definition bereits andeutet, Baukultur als Kulturtechnik verstanden werden. Sie rückt damit näher an den alltäglichen Umgang mit gebauter Umwelt heran und betont die sozialen, wirtschaftlichen und politischen Zusammenhänge, die zur Entstehung eines Bauwerks führen.

Eine klare Trennung dieser Ebenen lässt sich jedoch kaum vornehmen, die verschiedenen Aspekte greifen immer wieder ineinander und bedingen sich gegenseitig.

Baukultur und der ländliche Raum

Für den Umgang mit der gebauten Umwelt des ländlichen Raumes sind zwei Faktoren von wesentlicher Bedeutung:

  • 1. die Vielschichtigkeit des Baukultur-Begriffs
  • 2. die Vielfalt des ländlichen Raums

Denn baukulturelle Ansätze bewegen sich – in diesem Punkt unterscheiden sich Stadt und Land nicht – immer innerhalb der oben beschriebenen Dimensionen von Erhalt, Bauqualität und andauernden Prozessen. Es geht um Erhalt genauso wie um Veränderung, es geht um regionale Besonderheiten genauso wie um allgemeine Vorgaben und Notwendigkeiten (Stichwort Energieeffizienz).

Veränderung und Tradition: Der Wandel des ländlichen Raums

Was bei der romantischen Vorstellung des ländlichen Raums mit dem Gegensatz zwischen dynamischer Stadt und ruhigem, beschaulichem Land allzu leicht übersehen wird: Veränderungen finden auch auf dem Land unaufhörlich statt und sie sind vielfach eng mit den Entwicklungen in den Städten verwoben.

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Beispiel demografischer Wandel

Eine Folge der alternden Gesellschaft in Deutschland sind sinkende Zahlen der Einwohner*innen in Dörfern. Häufig ist dieser demografische Wandel noch zusätzlich verbunden mit einer Bildungswanderung unter den Jüngeren – die es für Ausbildung, Studium und bessere Aussichten auf einen Arbeitsplatz in die Städte zieht. Daraus resultieren Gebäudeleerstände und bisweilen werden Einrichtungen für die Versorgung oder Infrastruktur des Dorfes aufgegeben.

Beispiel Wohnraum

Die ländlichen Gemeinden versuchen dem häufig entgegenzuwirken, beispielsweise indem sie neue Bauflächen oder Gewerbegebiete ausweisen. Sowohl der Verlust von Einwohner*innen als auch von wichtiger Infrastruktur soll dadurch ausgeglichen werden.

Problematisch ist dieses Vorgehen dann, wenn sich die Erneuerungen auf die Randbereiche der Orte erstrecken – nicht nur wegen des Flächenverbrauchs. Im schlimmsten Fall wird damit eine Außenentwicklung zu Lasten der Innenentwicklung gefördert: An den Rändern entstehen neue Wohn- und Gewerbegebiete, während der Baubestand im Zentrum nicht genutzt wird – etwa wegen der ungünstigen Lage oder schwer zu erfüllenden Denkmalschutzvorgaben.

Die Ortskerne bleiben so möglicherweise leer und verlieren gleichzeitig gegenüber der entstehenden Infrastruktur am Dorfrand an Bedeutung.

Warum Denkmalschutz für den ländlichen Raum so wichtig ist

An diesem Punkt setzen unter anderem Denkmalschutz und Denkmalpflege ein. Obwohl sie sich vornehmlich dem baukulturellen Erbe im ländlichen Raum zuwenden, tragen sie dennoch dazu bei, zwischen diesem und den vorhandenen Entwicklungspotenzialen zu vermitteln. Erhalt und Erneuerung von bestehender Baukultur können für eine bessere Balance zwischen Innen- und Außenentwicklung sorgen – und noch mehr leisten:

Identität und Charakter

Was den ländlichen Raum aus städtischer Perspektive so attraktiv macht, ist das Zusammenspiel von Natur und Ortsbild. Aus der Innenperspektive der Dörfer bedeutet diese Verbindung sowie die dazugehörige Baukultur aber mehr als nur rurales Ambiente.
Kirchengebäude, Verwaltungsgebäude, Schulen und Höfe prägen die Identität eines Dorfes maßgeblich und damit auch die seiner Bewohner*innen. Baukultur denkmalpflegerisch zu bewahren bedeutet daher gleichermaßen, den Ort in seiner Einzigartigkeit und identitätsstiftenden Funktion zu erhalten.

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Dörfliche Funktionen

Dabei sollte die Denkmalpflege über „kosmetische“ Verbesserungen hinausgehen. Für ein lebendiges Dorf ist es wichtig, dass seine Baukultur nicht nur im Bestand bewahrt bleibt, also beispielsweise regelmäßig instandgehalten wird.
Zentral für das Gemeinschaftsleben ist es darüber hinaus, historische Gebäude funktionell zu erhalten. Das muss nicht zwangsläufig die angestammte Funktion sein. Alte Bauernhäuser lassen sich zum Beispiel als Mehrgenerationenhäuser, Kultur- oder Gemeindezentren umnutzen, um nur einige Möglichkeiten zu nennen. Auf diese Weise kann außerdem unter Umständen bereits ein Teil der lebenswichtigen Infrastruktur wiederbelebt werden.

Mehr als baukulturelles Erbe

Wenn es um Baukultur im ländlichen Raum geht, darf aber nicht außer Acht gelassen werden, dass damit mehr als regional typische, historisch wertvolle Architektur gemeint ist. Tatsächlich ist zu einem großen Teil die Bebauung für den Alltag gemeint: von Wohnhäusern bis zur Verkehrsinfrastruktur.

Alltagsbaukultur

Baukultur bedeutet im ländlichen Zusammenhang vielfach Alltagsbaukultur. Sie unterscheidet sich wesentlich von urbaner Baukultur:

  • Sie erscheint im Vergleich „schlichter, funktionaler, überschaubarer, maßstäblicher und aufgelockerter“, wie es im Gutachten „Baukultur in ländlichen Räumen Brandenburgs“ formuliert wird.
  • Das Verhältnis von Bauwerk, baulichem Umfeld und Kulturlandschaft ist nicht zuletzt wegen der häufig geringeren Verdichtung ein anderes.

Durch neue Formen des Bauens, zu denen auch neue Standards hinsichtlich der Energieeffizienz und anderer Merkmale zählen, verändert sich das beschriebene Bild der ländlichen Baukultur. Das oftmals enge Beieinander von historischem Bestand und modernen Neubauten zeigt die Brüche umso deutlicher auf.

Als Kulturtechnik mit Blick auf die Gesamtzusammenhänge, innerhalb derer gebaute Umwelt entsteht, kann Baukultur eine vermittelnde Funktion einnehmen – etwa durch die Analyse regionaler Besonderheiten beim Bauen und der Überprüfung, wie diese mit heutigen Standards vereinbart werden können. Im Rahmen kommunaler Entwicklungsprojekte ist das jedoch leichter umzusetzen als bei privaten Bauvorhaben. Dabei tragen diese nicht unwesentlich zum Erscheinungsbild der Gemeinde bei.

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Ungestaltete Flächen

Obwohl sie selbst keine gebaute Umwelt darstellen, spielen ungestaltete, naturbelassene Flächen dennoch eine zentrale Rolle für die Baukultur im ländlichen Raum. Genauso wie besondere Bauwerke prägt das Verhältnis vom jeweiligen Dorf zu seiner Umgebung das Bild der Gemeinde und stiftet ebenfalls Identität.

Daneben haben diese Flächen wichtige Funktionen, vor allem als Ausgleichs- und Regenerationsflächen. Was der ländliche Raum den Städten prinzipiell voraus hat, nämlich das enge Beieinander von gebauter Umwelt und Natur hat, wird bei einem zu starken Fokus auf die Außenentwicklung an den Dorfrändern jedoch eingeschränkt: Je weiter sich die Bebauung an den Ortsrändern in die bislang ungenutzten, natürlichen Flächen ausdehnt, desto mehr verliert das Verhältnis von Baukultur und Naturlandschaft an Bedeutung.

Gemeinschaftliche Aufgabe

Um zeitgemäße Entwicklungen des ländlichen Raums zu fördern, ohne beispielsweise regionaltypische Bauweisen zu vernachlässigen, sollten die verschiedenen Dimensionen von Baukultur – Erhalt von Bestand, besondere Qualität der Erneuerung und der ganzheitliche Blick auf die Entstehungszusammenhänge – immer berücksichtigt werden.

Darüber hinaus ist aber vor allem gemeinschaftliches Engagement notwendig (um politische, soziale, wirtschaftliche und ökologische Perspektiven ausreichend berücksichtigen zu können) – und Zeit.

Denn es gilt nicht allein, die vorhandene Bebauung, Infrastruktur und Landschaft weiterzuentwickeln. Um die Balance zwischen Erhalt und Erneuerung zu schaffen, müssen unter anderem auch Planungsprozesse angepasst werden, in denen regionale Eigenheiten eine größere Rolle spielen. Abgesehen davon braucht es ein breiteres Verständnis dafür, was Baukultur in ihrer Vielschichtigkeit für den ländlichen Raum bewirken kann.

Quellen

Bundesministerium für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung: Baukultur in ländlichen Räumen.
https://www.bbsr.bund.de/BBSR/DE/veroeffentlichungen/ministerien/bmvbs/sonderveroeffentlichungen/2013/DL_BaukulturLaendlicheRaeume.pdf?__blob=publicationFile&v=2
Bundesstiftung Baukultur: BaukulturBericht 2016/17 – Stadt und Land.
https://www.bundesstiftung-baukultur.de/sites/default/files/medien/78/downloads/bbk_bkb-2016_17_low_0.pdf
Deutsches Nationalkomitee für Denkmalschutz: Das Dorf im Wandel – Denkmalpflege im ländlichen Raum, Schlusserklärung.
http://www.dnk.de/_uploads/beitrag-pdf/29064d8b67780c90ff56b02e1fa910f6.pdf
Lütgert, Stephan: Baukultur – eine Chance (auch) für den ländlichen Raum.
http://www.landschafft.info/wp-content/uploads/2012/07/L%C3%A4ndlicher_Raum_02_2012_L%C3%BCtgert.pdf
Ministerium für Infrastruktur und Landesplanung des Landes Brandenburg: Gutachten Baukultur in ländlichen Räumen Brandenburgs.
https://mil.brandenburg.de/media_fast/4055/Gutachten%20Baukultur%20BTU%209_2_16%20final.pdf
Rieniets, Tim: Baukultur ist… nur ein Wort.
https://stadtbaukultur-nrw.de/site/assets/files/1183/27_kolumne_baukultur_ist.pdf

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